18.01.2010
Biografie: Januar 2010
Peter Gabriel
"Scratch My Back"
Es war einer der großen und gleichsam höchst berührenden Momente des WOMAD Festivals im letzten Jahr, als Peter Gabriel, der als Headliner auftrat, sein Konzert mit einer so unerwarteten wie einfühlsamen Interpretation von Paul Simons "The Boy In The Bubble" begann. Zu diesem Zeitpunkt wusste kaum einer, dass dies der Auftakt zu einem der außergewöhnlichsten Projekte in der schillernden Laufbahn des britischen Künstlers sein sollte. Für seine ebenso experimentierfreudigen wie konzeptionellen Arbeiten ist der Sänger, Musiker, Produzent und Videokünstler schon vielfach ausgezeichnet worden. "Scratch My Back" ist ein Album, auf dem Peter Gabriel die Kompositionen von einem Dutzend anderer Bands und Künstler tiefschürfend neu interpretiert und inszeniert hat. Gabriel selbst bezeichnet es als eines seiner bis dato persönlichsten Werke. "Songwriting hat mich zur Musik geführt", betont er. "Die Kunst und der Schaffensprozess, einen guten Song zu kreieren, erschien mir immer ebenso aufregend wie magisch."
Die zwölf Songs, die Peter Gabriel für "Scratch My Back" ausgewählt hat, gehören seines Erachtens nach allesamt zu den großen Errungenschaften perfekten Songwritings. Gleichwohl ist es dem Künstler bei seinen außergewöhnlichen Interpretationen gelungen, ihnen allen eine ganz besondere Ausstrahlung und Magie angedeihen zu lassen. Es gibt zwei maßgebliche Gründe, warum dies ein geradezu bahnbrechendes Projekt ist: Erstens werden alle Künstler, deren Songs von Peter Gabriel interpretiert wurden, im Gegenzug einen Song aus dem reichen Schaffen von Peter Gabriel aussuchen und interpretieren. Die Resultate dieses kreativen Austauschs werden zu einem noch nicht feststehenden Zeitpunkt auf einem Folgealbum veröffentlicht, das den Titel "I'll Scratch Yours" tragen soll. Zweitens hat Peter Gabriel sich für eine rein orchestrale musikalische Untermalung entschieden, verzichtet also bei den zwölf Songs vollkommen auf den Einsatz von Gitarren und Schlagzeug, was die Stimme von Peter Gabriel ganz in den Mittelpunkt rückt.
Die exzellente Auswahl der Songs erstaunt kaum bei einem so versierten Zeitgenossen, der mit seinem Label Real World neue Maßstäbe in der Weltmusik gesetzt hat. So finden sich neben dem eingangs erwähnten "The Boy In The Bubble" auf der Tracklist wohlvertraute Songklassiker wie David Bowies "Heroes", Radioheads "Street Spirit" und Randy Newmans "I Think It's Going To Rain Today", aber auch Kompositionen von Künstlern und Bands, die erst in den letzten Jahren Furore gemacht haben, wie Arcade Fire ("My Body Is A Cage"), Regina Spektor ("Apres moi") und Bon Iver ("Flume"), letzterer übrigens ein Vorschlag von Peter Gabriels Tochter Melanie. Hinzu kommen Songs von Lou Reed ("The Power Of The Heart"), Talking Heads ("Listening Wind") und Neil Young ("Philadelphia") sowie von Elbow ("Mirrorball") und The Magnetic Fields ("The Book Of Love").
Für die Aufnahmen, die in George Martins Lyndhurst Studios und dem Real World Temple stattfanden, engagierte Peter Gabriel den Komponisten und Arrangeur John Metcalfe, ehemals Musiker von Durutti Column, sowie die beiden renommierten Produzenten Bob Ezrin (Pink Floyd, Lou Reed) und Tchad Blake (Sheryl Crow, Tom Waits). Zunächst hatte Peter Gabriel den Pianisten Jason Rebello gebeten, die Songs ganz auf ihren Kern zu reduzieren. Im Anschluss sollte Metcalfe die Songs ganz schlicht aber gefühlvoll in Streicherarrangements einbetten. John Metcalfe: "Ich fühlte mich wie im Schlaraffenland. Da waren all diese unglaublichen Songs und diese nicht minder unglaubliche Stimme. Es hat sofort funktioniert. Ich bekam für Peters Stimme alle Freiheiten, sie einzusetzen. Und genau das habe ich gemacht."
Den Auftakt macht "Heroes", der vielleicht bekannteste Song. Peter Gabriel gelingt es, die majestätische Kraft des Originals von Bowie durch eine bitterzarte Melancholie zu ersetzen, bei der die getragene Stimmung des Orchesters bereits den Grundtenor des Albums vorgibt. "Scratch My Back" ist ein Meisterwerk der Entschleunigung und des akribischen Nachspürens von Gefühlen. Mal schlägt einen die pure Schönheit einer großzügig und mitunter sakral unterfütterten Pianoballade wie "The Power Of The Heart" in den Bann, mal die cineastische Dramatik wie bei "Mirrorball", dann wieder klaustrophobische Untertöne wie bei "My Body Is A Cage". Zumeist entfernt sich Peter Gabriel bewusst von dem Original und verleiht den Songs ganz neue und unerwartete Wendungen. So klassisch dieses Dutzend Songdelikatessen orchestriert sein mag, so innovativ wirken sie dank der bewegenden Stimme von Peter Gabriel. "Scratch My Back" ist ein berührendes Meisterwerk des kontemplativen Gesangsvortrags.
Peter Gabriel hat seine mehrere Dekaden währende Karriere immer wieder mit golden glänzenden Balladen gepflastert und veredelt. Von "Carpet Crawl" über "Here Comes The Flood" bis "Biko" schuf er denkwürdige Songs von in vielerlei Hinsicht globalem Gewicht. Bereits als Schüler formierte er 1966 seine erste Band: Genesis. Die sieben Alben, die er als Leadsänger mit Genesis aufnahm, gehören heute zum Kanon des Progressive Rock. 1975 verließ Peter Gabriel die Band und startete kurz darauf eine Solokarriere, zu deren bekanntesten Alben "Peter Gabriel" (1977) - zu dem es auch eine deutschsprachige Version gibt - "So" (1986), "Us" (1992) und "Up" (2002) zählen. Darüber hinaus arbeitete er immer wieder an Filmmusik. Zu seinen bekanntesten Soundtracks gehören "Birdy" (1984), "The Last Temptation Of Christ" (1989) und "Rabbit Proof Fence" (2002).
Bereits 1980 konzipierte und gründete Peter Gabriel WOMAD (World of Music, Arts and Dance), eine Stiftung, die nicht nur bislang 150 Festivals in über 40 Ländern organisiert hat (zuletzt sogar in Abu Dhabi), sondern auch Ausbildungsprogramme und Workshops an Schulen in aller Welt fördert. Sein vorbildlicher Einsatz für die Menschenrechte umfasst die Koordination der "Human Rights Now! Tour", die 1988 mit Unterstützung von Amnesty International stattfand, sowie die Gründung von Witness, eine Organisation, die Menschenrechtsaktivisten mit Kameras und Computern austattet. Witness ist schon mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem für die Pionierarbeit für Menschenrechtskampagnen im Internet. Als Beispiel sei hier The Hub genannt, eine im Jahr 2008 gestartete Internetplattform, die auch als "YouTube für Menschenrechte" bezeichnet wird. Gemeinsam mit Richard Branson unterstützte er auch die im Jahr 2007 von Nelson Mandela ins Leben gerufene Friedensorganisation The Elders.
Neben seinen Real World Firmen, zu denen neben dem Label selbst Real World Studios, Real World Records, Real World Multi Media und Real World Films gehören, hat sich Peter Gabriel auch als Geschäftsmann für den technologischen Fortschritt von Musik verdient gemacht. Seine 1999 mitbegründete Firma OD2 (On Demand Distribution) war eine der ersten europäischen Plattformen für online vertriebene Musik. 2005 übernahm er gemeinsam mit David Engelke Solid State Logic, den weltgrößten Hersteller von Mischpulten.
Zu den zahlreichen Auszeichnungen, mit denen das Schaffen und die immensen politisch-humanitären Engagements von Peter Gabriel gewürdigt wurden, gehören der von Friedensnobelpreisträgern verliehene "Man of Peace Award", der "Chevalier dans l'Ordre des Arts et des Lettres", der "Quadriga Award", der "BT Digital Music Pioneer Award" sowie im letzten der "Polar Music Prize", der als inoffizieller Nobelpreis für Musik gilt. 2008 wurde Gabriel auf der MIDEM zur Persönlichkeit des Jahres gekürt. Zu seinen bislang sechs Grammy Awards, darunter auch für das legendäre Video zu "Sledgehammer", das als einer der besten Clips aller Zeiten zählt, kam zuletzt der Grammy für den oscarnominierten Song "Down To Earth" aus dem Pixar-Film "Wall-E" hinzu.
Am 24. und 25. März gibt Peter Gabriel, unterstützt von einem Orchester, zwei Konzerte in Berlin (O2 World) und präsentiert dort unter anderem die Songs seines Albums "Scratch My Back", das am 12. Februar 2010 in Deutschland veröffentlicht wird.
Januar 2010
